Matthias Kredler
Carrer Villarroel #205
08036 Barcelona
Spanien
Barcelona, 02. April 2001
Tobias Pfütze
Passeig Sant Joan #34
08010 Barcelona
Spanien
Kommentar zu
"Spanisch wird hier nicht gesprochen"
in der Süddeutschen Zeitung
vom Dienstag, 27. März 2001
Teil "Schule und Hochschule"
Seite V2/14
Spanisch wird hier auch gesprochen!
Sehr geehrte Damen und Herren,
Wir sind zwei deutsche Studenten aus Barcelona (23 und 27 Jahre alt) und mussten uns doch sehr über den Artikel "Spanisch wird hier nicht gesprochen" wundern, der letztens im Teil "Schule und Hochschule" über unsere Situation hier erschienen ist. Wir sind jetzt seit einem halben bzw. seit knapp zwei Jahren in dieser wunderschönen Stadt, studieren beide an der Universitat Pompeu Fabra, eine der "katalanischsten" Universitäten hier, und nehmen deswegen für uns in Anspruch, unsere Situation einigermaßen zu kennen.
Katalanisch als "kehlige Sprache" zu bezeichnen, mag ja noch durchaus witzig sein, jedoch den ETA-Terror mit den Aktivitäten der politisch aktiven – und oftmals mit dem Katalanismus sympathisierenden – Studenten in einen Topf zu werfen, ist hingegen eine Unverschämtheit. "Wie auf der Straße der politische Kampf mittels Bomben ausgetragen wird, so verfechten Studenten mit glühenden Worten am grauen Beton die katalanische Identität." Dieser Satz zeugt entweder von Unkenntnis der Situation oder schlicht von bösem Willem gegenüber dem – zugegebenermaßen manchmal etwas eigenwilligem – Volk hier.
Es ist wahr, dass sich ausländische Studenten hier manchmal mit Professoren bzw. Studenten konfrontiert sehen, die sich weigern, auf Katalanisch angesetzte Vorlesungen auf Wunsch der Austauschstudenten auf Spanisch zu halten. An unserer Universiät sind uns jedoch nur sehr wenige derartige Fälle bekannt. Die große Mehrheit der Leute hier sieht das Sprachproblem sehr pragmatisch und respektiert den Wunsch von Ausländern nach spanischen Vorlesungen. Oftmals wird eine Vorlesung auf Bitte hin auf Spanisch gehalten, auch wenn es sich nur um einen Ausländer unter fünfzig Studenten handelt. Zudem ist man in den wenigsten Fällen gezwungen, auf Katalanisch angekündigte Vorlesungen zu belegen, da genügend Alternativangebote auf Spanisch oder Englisch zur Verfügung stehen.
Außerdem sollte man von der "künftigen europäischen Bildungselite" ein gewisses Maß an Weltoffenheit, kulturellem Interesse und Flexibilität erwarten können, zumal das Katalanische wie das Spanische eine romanische Sprache ist und die Vorlesungen mit etwas gutem Willen nach einiger Zeit durchaus gut verständlich sind. Beim Katalanischen handelt es sich nicht, wie man bei der Lektüre des Artikels vielleicht denken könnte, um den Dialekt eines verschrobenen Bergvolkes, sondern um eine eigenständige Sprache mit immerhin mehr als 7 Millionen Muttersprachlern. Oft liegt ein Informationsproblem vor, wenn Studenten aus dem Rest Europas nach Katalonien kommen und davon ausgehen, dass hier ausschließlich Spanisch gesprochen würde. Unserer Meinung nach sollte man jedoch von jedem Studenten erwarten können, dass er selbständig Informationen über seine Gastuniversität einholt.
Die Behauptung, das ETA-Attentat auf Ernest Lluch habe die katalanische Studentenschaft gespalten, ist schlicht unhaltbar. Jugendliche und ganz allgemein Katalanen, die mit dem ETA-Terror sympathisieren, sind eine extreme Minderheit. Der Mord an Lluch hat wie kein anderes Ereignis zuvor die katalanische Gesellschaft auf die Straße gebracht – und das durch alle politischen Lager hindurch (katalanische Nationalisten eingeschlossen). Allein zur großen Demonstration auf dem Passeig de Gracia in Barcelona einen Tag nach dem Attentat versammelten sich rund eine Million Menschen.
Im Gegensatz zu der im Artikel zitierten Sokrates-Koordinatorin (europäisches Studentenaustauschprogramm) raten wir sehr wohl zum Studienaufenthalt in dieser außergewöhnlichen Stadt, auch wenn vom rein linguistischen Standpunkt her ein Aufenthalt in Madrid sicher einfacher zu bewerkstelligen ist, da gibt’s aber keinen Strand und das Wetter ist schlechter!